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Wenn ich mal groß bin, möchte ich kein Spießer sein

Gartenzwerg, spießig, Spießigkeit

 

Letztens waren mein Mann und ich gemeinsam mit zwei befreundeten Pärchen beim Brunchen in der Stadt unterwegs. Auf dem Weg nach Hause wollten unsere Freunde uns unbedingt noch etwas zeigen und so schlugen wir einen kleinen Umweg ein, bis wir am Ende in einem schnuckeligen Schrebergarten mit Teich und Gartenhütte gelandet sind, den unsere Freunde seit kurzem ihr Eigen nennen durften. 

 

Als wir dann gemeinsam auf ihre neue Errungenschaft angestoßen hatten, ist mir klar geworden, dass sie die ersten Personen sind, die ich persönliche kenne, die nun Besitzer eines Schrebergartens sind! Und schon hatte ich die Inspiration zu diesem Artikel. Denn: Schrebergärten waren bisher in meinem Kopf stets verknüpft mit Gartenzwergen, fein getrimmtem Rasen, Efeuranken und nicht zu vergessen, perfekt inszenierten Rosenbögen. Für mich also quasi seit jeher das Sinnbild von Spießigkeit! 

 

Doch was ist "Spießigkeit" überhaupt. Wenn ich die Geschirrspülmaschine nach Tetris-Vorbild einräume, Verpackungen und Gläser der Größe nach stapele, hektisch die Wohnung aufräume, wenn Besuch kommt oder mich tierisch darüber aufrege, wenn die Schuhe nicht da stehen, wo sie meiner Ansicht nach stehen sollten, dann könnte mich sicherlich der ein- oder andere als spießig bezeichnen. 

 

Dass alles seinen Platz und seine Ordnung haben soll, reicht das schon zum "spießig-sein"? Ich würde sagen, nein, das alleine reicht noch nicht. Zum wirklichen "spießig-sein" fehlen nämlich zwei wichtige Zutaten: Inflexibilität und Intoleranz.

 

Wenn jemand sehr planerisch veranlagt ist und sich nicht erlaubt, spontan zu sein, dann ist das für mich spießig. Wenn der eine Nachbar den anderen Nachbarn verunglimpft, nur weil die Hecke nicht akkurat genug geschnitten ist oder wenn Familien vom Land über Familien aus der Stadt herziehen, dann heißt es "Herzlich willkommen im Spießertum". 

 

Für mich fängt Spießertum da an, wo das Verständnis für die Verschiedenheit der eigenen Persönlichkeit und die der Anderen aufhört.

Es ist okay, wenn wir heute Bock auf nen Drink haben, aber morgen den Abend auf der Couch verbringen wollen.

Es ist okay, wenn ich organisiert und der Andere chaotisch zu sein.

Es ist okay, zielgerichtet und gleichzeitig planlos zu sein.

 

Es ist schwierig, mit der Ambivalenz der eigenen Persönlichkeit umzugehen, geschweige denn mit der Ambivalenz der Anderen. Doch unsere Welt ist nun mal nicht schwarz oder weiß, sondern sie ist schattiert und es ist unsere Aufgabe, diese Schattierungen zu sehen und wert zu schätzen. Das stärkt uns in unserer eigenen Persönlichkeit und bereichert unsere Beziehungen, ob Partnerschaft oder Freundschaft, nachhaltig. Allerdings nur, wenn wir uns darauf einlassen. 

 

Begraben wir also das "Spießertum" und freuen uns an der Vielfalt der Persönlichkeiten! Und wenn es Ihnen mal schwer fällt, kaufen Sie sich ein paar Gartenzwerge und stellen sie in den Schrebergarten. Ich habe für meine Freunde schon welche gekauft! :)

 

Ihre

Barbara Ries

 

 

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