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Zuhören ist nicht gleich Zuhören

"Hast Du mir eigentlich zugehört?" Eine meist vorwurfsvolle Frage, die sicherlich viele von uns aus dem engen Familien- und Freundeskreis kennen. Entweder weil wir sie selbst gestellt haben oder vom Gegenüber gestellt bekommen haben (ertappt! :)).

 

Bei uns eher unbekannten Menschen sind wir da meist nicht so direkt, sondern lassen political correctness walten.

Fällt uns das Gegenüber ungeduldig ins Wort oder vervollständigt unsere Sätze oder Geschichten, verdrehen wir lieber innerlich die Augen. Doch was macht Zuhören so schwierig?   

 

Zuhören klingt so einfach wie banal und wird dennoch so häufig unterschätzt! Auch wenn unsere Ohren anatomisch gesehen das erste fertig ausgebildete Sinnesorgan sind, ist mit dem Hören nicht automatisch die Fähigkeit des Zuhörens gegeben. Denn: Zuhören ist ein sehr komplexer Prozess, der in mehreren Schritten abläuft und äußerste Konzentration verlangt. Gleichzeitig ist Zuhören DIE Grundvoraussetzung für gelingende Kommunikation, egal in welchem Umfeld. Und genauso wenig wie Hören gleich Zuhören ist, ist Zuhören gleich Zuhören. Claus Otto Scharmer, Senior Lecturer am MIT, hat sich vor einigen Jahren explizit mit dem Prozess des Zuhörens beschäftigt und 4 verschiedenen Ebenen definiert, auf denen Zuhören stattfindet, die ich Ihnen im Folgenden kurz darstellen möchte: 

  1. Downloading: Diese Stufe kennen wir alle, wenn sie uns auch nicht bewusst ist. Jemand spricht und der Andere hört zu. Er/Sie hört aber nur genau das, was ohnehin schon bekannt ist und ihrem/seinem Weltbild entspricht. Beim Downloading geht es also um die Bestätigung des eigenen bereits vorhandenen Wissens, gemäß dem Motto "Ich höre das, was ich schon weiß". Es ist die einfachste Art des Zuhörens, weil es uns am wenigsten anstrengt.
  2. Faktisches Zuhören: Hier hören wir zu und beginnen Unterschiede und Differenzen in dem Gesagten wahrzunehmen. Der Andere erzählt mir etwas, was ich noch nicht kenne, was anders ist und mich überrascht. Otto Scharmer nennt dies die Grundkompetenz wissenschaftlicher Arbeit. Doch beide Ebenen reichen nicht aus, um wirklich Neues in die Welt zu bringen. Dafür benötigen wir die weiteren zwei Stufen:
  3. Empathisches Zuhören: Die beiden Stufen vorher waren geprägt von Rationalität und Faktencheck. Ab dieser Ebene verändert sich der Fokus hin zu den Emotionen, die uns als Wahrnehmungsantennen und Informationsquellen in Gesprächen dienen. Doch dafür müssen wir die Emotionen des Anderen auch wahrnehmen und uns in den Anderen hineinversetzen. In Beziehungen macht dies den wesentlichen Qualitätsunterschied. Sehen wir die Welt aus den Augen unseres Gegenübers, lassen wir unsere innere Agenda los, nehmen eine neue Perspektive ein und öffnen uns für mögliche Veränderungen.
  4. Schöpferisches Zuhören: Otto Scharmer bezeichnet schöpferisches Zuhören als Prozess, wahrnehmungsfähig zu werden für das, was noch nicht da ist und sich für Neues zu öffnen. Dadurch findet ein Prozess statt, der die eigene Entwicklung betrifft und Veränderung zulässt, weil das Gehörte überzeugt. Hören wir Menschen schöpferisch zu, ändert das nicht nur unseren Blickwinkel, sondern uns selbst und wir sind danach nicht mehr dieselbe Person. Es ist wie die Entdeckung eines neuen Landes oder einer neuen Kultur, die uns bewegt, berührt und unser Innerstes verändert!

Sie sehen, es ist eine Herausforderung, mit offenen Ohren zuzuhören, aber es lohnt sich, sowohl für Ihr Gegenüber als auch für Sie selbst! Probieren Sie es aus und achten Sie in den nächsten Gesprächen darauf, auf welcher Ebene Sie zuhören und ob das Gespräch Sie nachhaltig verändert!

 

Viel Freude wünscht Ihnen 

 

Ihre

Barbara Ries  

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