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Der Umgang mit Fehlern und was das über uns sagt

Rechenaufgabe, 1+1=3, Umgang mit Fehlern

Zur Einleitung dieses Artikels möchte ich Ihnen zunächst folgende Geschichte ans Herz legen:

 

"Ein Professor der Mathematik schrieb Folgendes an die Tafel:

1x9 = 9              2x9 = 18                  3x9 = 27                  4x9 = 36

5x9 = 45           6x9 = 54                 7x9 = 63                  8x9 = 72

9x9 = 81          10x9 = 91

 

Leises Gekicher ging durch die Plenumsreihen des Hörsaals. Denn der Professor hatte sich offensichtlich verrechnet: 10x9 = 91?!

 

Der Professor wartete, bis Alle wieder still waren. Dann sagte er: "Ich habe diesen Fehler absichtlich gemacht, um ihnen etwas zu demonstrieren. Ich habe neun Aufgaben richtig gelöst, und nur einen Fehler gemacht. Statt mir zu gratulieren, dass ich neun von zehn Aufgaben richtig gelöst habe, haben sie über meinen einen Fehler gelacht."

 

Dieses Beispiel ist zwar sehr simplifiziert, aber dennoch übertragbar auf die unterschiedlichsten Situationen. Ob der mathematische Fehler, der Rechtschreib-Fehler, die vermeintlich "falsch" gewählte Kleidung, der winzige Tomatenfleck auf dem Hemd oder das berühmte Haar in der Suppe! Es zeigt, wie sehr unsere Aufmerksamkeit auf das Erkennen von Abweichungen, Fehlern oder allgemein aus unserer Sicht auf Negatives trainiert bzw. getrimmt ist. Hinzu kommt, dass wir uns häufig an diese Abweichungen, Fehler und negative Erlebnisse wesentlich genauer und detaillierter erinnern können als an Positives oder "Standardisiertes". Doch was ist der Grund für unsere getrübte oder auch einseitige Wahrnehmung?

 

Dazu ein kurzer Exkurs in die Neurowissenschaften: Unser Gehirn nimmt pro Sekunde eine schier unglaubliche Menge an Informationen wahr, die oftmals unbewusst verarbeitet wird. Würde dies unser Gehirn nicht tun, wäre es völlig überfordert. Richten wir unseren Fokus allerdings bewusst auf etwas Bestimmtes, können wir diesen Prozess aktiv beeinflussen. 

 

Beispiel: Wenn Sie auf der Suche nach einem neuen Auto sind und bereits ein bestimmtes Modell ins Auge gefasst haben, dann werden Sie zukünftig wesentlich häufiger genau dieses Auto auf der Straße fahren sehen. Denn was wir bewusst wahrnehmen hängt von unserem Fokus ab. Wenn wir diesen allerdings nicht bewusst steuern, übernimmt der Autopilot: unsere Prägung. Denn das, was wir erlebt haben, bestimmt, was wir wahrnehmen und vor allem auch, wie wir das tun. Doch leider hat unsere Prägung keinen neutralen Standpunkt, sondern ist ein kleiner Pessimist, der Negatives neun mal stärker wahrnimmt als Positives. Verantwortlich für dieses Missverhältnis sind dabei vor allem zwei Punkte: 

  • Die biologische Determination
    Als Urzeitmensch war es allen voran wichtig, Gefahren und Gefährdungspotenziale instinktiv und damit schnellstmöglich wahrzunehmen. Es ging schließlich ums Überleben. Und obwohl in den meisten Teilen der Erde das Überleben gesichert ist, reagiert unser Gehirn unbewusst weiter in diesem Modus.
  • Die Sozialisierung
    Sowohl die Erziehung durch unsere Eltern als auch die Sozialisierung durch Kindergarten, Schule und Co. prägen unsere Wahrnehmung. Eltern, die ihre Kinder ständig verbessern oder Anerkennung mit Leistung verknüpfen, prägen einen perfektionistischen und gleichzeitig unsicheren Charakter, der das Leben aus einer Minus-Brille sieht. Und auch Bildungseinrichtungen fördern oftmals unbewusst diese Wahrnehmung, indem der Rotstift wichtiger ist als der Grünstift. 

Wie so oft im Leben ist also die Biologie und die Erziehung "schuld". Doch das Gute ist: Wir können etwas dagegen tun! Indem wir uns aktiv dazu entscheiden, die Biologie Biologie und die Erziehung Erziehung sein zu lassen und unsere Wahrnehmung peu á peu auf das Erkennen von positiven Erlebnissen trainieren. 

 

Hierzu möchte ich Ihnen folgende Ideen an die Hand geben:

  • Ein schönes Ritual ist es zum Beispiel, kurz vor dem Schlafen gehen den Tag in Ruhe Revue passieren zu lassen. Dabei können folgende Fragen helfen: Was war heute besonders? Welche positiven Erlebnisse hatte ich heute? Was hat mir ein Glücksgefühl beschert? Was hat mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert? Wem habe ich heute etwas Gutes getan? Ob Sie sich "nur" Gedanken dazu machen oder die Gedanken aufschreiben, entscheiden alleine Sie. 
  • Eine andere Möglichkeit ist, die Reflexion gemeinsam mit seiner Familie bzw. seinen Freunden zu machen. Hier können Sie den Zeitraum auch gerne von einem Tag auf die Woche ausweiten und sich gemeinsam folgende Fragen beantworten: Was war das schönste Erlebnis in der vergangenen Woche? Was hat mich besonders gefreut? Woran denke ich gerne zurück? Das schöne bei dieser Idee ist, dass Sie durch den gemeinsamen Austausch Vertrauen aufbauen und ihre Beziehung zueinander stärken. 

Sofern wir also unsere Wahrnehmung immer wieder bewusst auf das Positive lenken und mit unseren eigenen Fehlern und denen der Anderen gelassen umgehen, können wir auch mal "fünf grade sein lassen". 

 

Übrigens: Damit etwas zu einer Routine wird, benötigen wir mindestens 66 Wiederholungen. In diesem Sinne, fangen Sie an und tauschen Sie Ihre Minus-Brille gegen die Positiv-Brille aus!

 

Ich wünsche Ihnen allen viel Freude dabei!

 

Ihre

Barbara Ries 

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